Von Deutschland darf nur noch Frieden ausgehen!

In Vorbereitung der Mahn- und Gedenkveranstaltung zum Antikriegstage 2013 am 7. September in Stuknbrock und den Diskussionen um die Politik Russlands und dem Export von Kriegswaffen aus Deutschland scheinen einige Passagen aus diesbezüglichen Stukenbrocker Gedenkreden der vergangenen Jahre von aktueller Bedeutung.
Wir bringen sie hiermit auszugsweise in Erinnerung und stellen sie zur Diskussion:

Frau Dr. Gabriele Krone-Schmalz sagte u.a. am 4. September 2010:

„Ich kann mich auch gut daran erinnern, wie überrascht und hilflos der Westen auf die Abrüstungsvorschläge Michail Gorbatschows, also damals noch der Sowjetunion, reagierte. Das hatte man zwar jahrelang mit Vehemenz gefordert, aber doch nicht damit gerechnet, dass den Forderungen entsprochen werden könnte. Darauf war man im Westen nicht vorbereitet.
Später dann - die Sowjetunion brach zusammen, der Warschauer Pakt verschwand, das ehemalige Jugoslawien ein Pulverfass mit mehr als einer Lunte.

Moskau war bereit, sich an einer neuen Sicherheitsarchitektur zu beteiligen, aber der Westen war nicht bereit, es sich beteiligen zu lassen. Eine vertane Chance? Möglich. Statt weitblickend an stabilen Verhältnissen zu bauen, verlor sich der Westen in Siegermentalität und Besitzstandswahrung – die NATO blieb wie sie war, dehnte sich sogar nach Osten aus. „Wir haben den Kalten Krieg gewonnen.“ Hieß es landauf landab. Wer solche Sätze sagt, hat nichts begriffen.

Entweder ein Kalter Krieg ist zu Ende oder er dauert an. Überstandene Kalte Kriege haben nur Sieger, sonst sind sie nicht überstanden, sonst dauern sie an.
Und jetzt? Heute? An allen Ecken und Enden brennt es. Irak, Afghanistan, Naher Osten. Terrorismus bestimmt die Ausrichtung der Politik. Terrorismus, der erst zur Kenntnis genommen wurde, als es in einer Metropole des Westens krachte. Die Weltwirtschaftsordnung verdient die Bezeichnung Ordnung nicht mehr. Zockerei und eine Mischung aus Perversion und Zynismus hebt alles aus den Angeln. Börsen, die wie Kartenhäuser sind und beim leichtesten Windzug zusammenstürzen, haben reale Wertschöpfung und Fakten abgelöst. Psychologie, zweifelhafte Rankings und Stimmungsmache entscheiden über die Existenz oder den Bankrott von Firmen, zuweilen sogar von Staaten.

Welch eine Chance, ein Land wie Russland mit seinen Erfahrungen, seiner Geschichte, an den Überlegungen zu beteiligen, wie diesen Fehlentwicklungen zu begegnen ist. Gemeinsam nach Antworten auf Fragen suchen, die Deutsche und Russen und viele andere gleichermaßen beschäftigen.
Nutzen wir diese Chance? Wie ist Frieden zu erhalten oder zu schaffen? Was ist überhaupt Frieden? Sicher mehr als die Abwesenheit von Krieg. Soviel ist klar: Frieden ist harte Arbeit. Dazu gehört auch, das eigene Verhalten immer wieder zu überprüfen: Bin ich fair in meinen Urteilen? Messe ich mit zweierlei Maß?
Welche Feindbilder habe ich und warum? Es fällt auf, dass – sobald Russland ins Spiel kommt - die Neigung mit zweierlei Maß zu messen groß ist“

„Die Neigung mit zweierlei Maß zu messen, ist nicht nur sehr verletzend für die Bürger Russlands, diese Neigung verhindert auch ein tieferes Verständnis Russlands – und zwar Verständnis nicht im Sinne von „ich versteh dich ja so gut, das ist schon in Ordnung, was Du machst“, sondern verstehen im Sinne von begreifen was Sache ist. Wer sich dieser Mühe nicht unterzieht, ist anfällig für Feindbilder. Feindbilder haben in der Geschichte immer eine verheerende Rolle gespielt“
„Noch mal: Frieden ist harte Arbeit, die es hin und wieder auch nötig macht, keine Rücksicht zu nehmen auf Zeitgeistströmungen, die gerade opportun sind.

Ebenso wichtig ist es, keine Angst vor heiklen Themen zu haben.
Ich habe immer wieder erlebt, dass Menschen vor Themen zurückschrecken, weil sie Angst haben, vor falsche Karren gespannt zu werden. Aber auf diese Weise überlässt man richtige, weil Menschen beschäftigende Themen, vielleicht den falschen Leuten. Die Gefahr besteht, wenn man sich drückt. Es hilft nichts, heikle Themen zu etikettieren und nach der politischen Farbenlehre wegzusortieren. Sollen sich andere den Mund verbrennen. Wird schon gut gehen, wenn niemand dran rührt. Es hilft nichts, sich hinter Worthülsen zu verstecken. Nach dem Motto: Wenn ich nur oft genug „soziale Gerechtigkeit“ sage, dann kann mir keiner. Es hilft auch nichts, gleich loszuprügeln, wenn Reizworte fallen wie Ausländerkriminalität, Hartz 4 Missbrauch oder was sich da sonst noch anbietet. Zuhören, ernst nehmen, Respekt zeigen, würdevoll streiten und fair kämpfen. Das kann man lernen, am besten so früh wie möglich.
Als Zielvorgabe im Kindergarten, als Unterrichtsfach in der Schule.
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Für mich gehört zur Friedensarbeit auch, sich selbst nicht als Nabel der Welt zu begreifen und zum Maßstab aller Dinge zu machen. Theoretisch wird das fast jeder unterschreiben, denke ich. Die praktische Umsetzung ist da schon schwieriger. Konkret: Ich möchte um Himmels Willen nicht darauf verzichten, in einer demokratisch verfassten Gesellschaft zu leben. Das ist mir lieb und wert und ich versuche meinen Teil dazu beizutragen, diese Gesellschaft zu erhalten.

Aber es nützt doch nichts mit Blick auf Russland ständig mit dem Begriff Demokratie zu wedeln und so zu tun, als könne der im luftleeren Raum irgendeine Kraft entfalten. Dazu braucht man Strukturen, die man aufbauen und gestalten muss, vielleicht auch testen, bevor man sie nutzen kann. Mittel und Wege, um ein Ziel zu erreichen – eine lebenswerte Gesellschaft in Frieden – müssen den örtlichen Gegebenheiten angepasst sein und die sind nun einmal in Deutschland andere als in Russland. Das hat sehr wenig mit Ideologie zu tun, aber eine Menge mit praktischer Politik, auch und gerade Friedenspolitik.

Menschen neigen dazu – ganz gleich ob in Deutschland oder Russland oder sonst wo – Menschen neigen dazu, zuerst darauf zu schielen, wer etwas sagt, aus welcher politischen Ecke der kommt, bevor sie sich mit der inhaltlichen Aussage befassen. Das hat mit Berührungsängsten zu tun, mit Unsicherheit, Bequemlichkeit, mit Trends und Zeitgeistströmungen. Dieser Mechanismus blockiert von vornherein jede konstruktive Auseinandersetzung, weil die vermeintliche Positionsbestimmung im politischen Raster wichtiger wird als das, worum es eigentlich geht: der Gedanke, die Idee. Darauf mal zu achten – würde ich Ihnen gerne in aller Bescheidenheit als Rat mitgeben wollen. Es hilft, im besten Sinne zu streiten, friedlich zu streiten, glauben Sie mir“.
 
 

Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Michael Sommer sagte u.a. am 1. September 2012 in seiner Gedenkrede:

„Ich wende mich an dieser Stelle unmittelbar an Sie, Herr Botschafter Grinin. Ich bin stolz darauf sagen zu können, es war richtig und gut, dass Deutschland nicht nur die Verständigung mit Polen und zu Frankreich gesucht und gefunden hat, sondern wir heute auch wissen, Deutsche und Russen sind keine Feinde, sondern wir alle sind Menschen mit unseren Hoffnungen und Wünschen. Wenn so eine initiative wie “Blumen für Stukenbrock” mit dazu beigetragen hat, dass es in der Zeit des Kalten Krieges so etwas gab wie den Hinweis: Die Toten, die hier liegen, sind für uns gemeinsam eine Mahnung, eine gemeinsame Zukunft zu suchen und nicht die Trennung der Vergangenheit, dann ist das etwas Positives. Und deswegen freue ich mich auch sehr, dass Sie heute hier sind als Repräsentanz Ihres Landes“

„ Nie wieder Faschismus. Und da gibt es für uns auch kein Pardon. Faschismus ist keine Gesinnung, Faschismus ist die als Ideologie heruntergebrochene Form des Verbrechens, sonst nichts (Beifall). Und wer immer so tut, als ob man das verniedlichen könnte, und als ob man das relativieren könnte und sozusagen die Brücken einebnen will zwischen rechtem Konservatismus und Neofaschismus und neofaschistischer Ideologie, dem sage ich, hört auf damit, so etwas überhaupt nur ansatzweise hoffähig zu machen, sonst wacht ihr auf und sagt: oh, es gibt den nationalsozialistischen Terror, oh welch Wunder. Und dabei sind die Antworten relativ klar: Verbot von Kameradschaften, Verbot der NPD, wirklich das staatliche Vorgehen gegen rechten Terror und nicht sein Decken durch Verfassungsschutzbehörden - das ist die Antwort (Beifall).

Ich erinnere mich, das ich mal, in den 80er Jahren, für meinen damaligen Vorsitzenden eine Rede schreiben musste. Das war der Zeitpunkt, wo Richard von Weizsäcker die große Rede 'Was lernen wir' 1985 gehalten hat, übrigens eine Rede, die man nie toppen kann, die man eigentlich nur immer noch mal nachlesen muss, weil sie wirklich grandios das zusammenfasste, was zu tun war. Aber wir haben uns dann damals darauf geeinigt, mein Vorsitzender und ich, das wir versuchen, einigen Lehren daraus zu ziehen. Und jetzt will ich die Rede von damals nicht wiederholen, schon gar nicht mit Blick auf die Zeit. Ich will nur eins sagen: Eine der Lehren, über die heute wenig geredet wir, aber die wir damals schon im Blick hatten, war, dass endlich vielleicht auch mal die Justiz anfängt, ihr Verhältnis zu Freiheit und Demokratie mal auch geistig zu ordnen (Beifall). Es ist ein Unding, und ich bleibe dabei: es ist ein Unding, unter dem Folium der Meinungsfreiheit zu sagen, jede rechte Truppe könnte sich zusammenrotten und menschenverachtendes Zeug von sich geben (Beifall), es ist ein Unding. Es ist ein Unding, dass man schlicht und ergreifend so tut, als ob jede Meinung gleichwertig wäre und als ob man nicht in einer Demokratie, die ja auch die Lehren aus dem Faschismus ziehen sollte, sagen muss, es gibt Anfänge von faschistischer Verbreitung von Gedankenwelten, die man schlicht und ergreifend unter Strafe stellen muss; auf gar keinen Fall sozusagen die Polizei dazu bringen darf, dass man das auch noch beschützen muss. Und ich weiß sehr genau, wie sehr die Kolleginnen und Kollegen von der GdP es hassen, dass sie das tun müssen, aber gleichzeitig natürlich rechtsstaatlichen Gesichtspunkten verpflichtet sind. Das die Justiz mal anfängt, ihr Verhältnis von Demokratie, Freiheit und Beurteilung von faschistischer Ideologie neu zu ordnen, dass ist in diesem Land allerdings überfällig (Beifall).“